Eltern-Kind-Entfremdung in Trennungs- und Scheidungsfamilien

In den 70er Jahren hat ein amerikanischer Kinder- und Jugendpsychologe (Richard A. Gardner) ein für ihn neu und immer häufiger auftretendes Phänomen beobachtet, untersucht und thematisiert. In seiner Praxis hat er in zunehmendem Maße Kinder und Jugendliche behandelt, die ein Elternteil nach der Trennung oder Scheidung der Eltern aus nicht geklärten Gründen komplett ablehnten. Dieses Phänomen beschrieb er in seinem Standardwerk als Parental Alienation Syndrom (PAS). Seither wird dieses Thema in der Fachwelt hitzig diskutiert.

In seiner Theorie geht Gardner davon aus, dass diese Ablehnung in der Regel auf den betreuenden Elternteil (meist die Mutter) zurückzuführen sei, die in einer Art symbiotischer Übertragung ihre eigenen narzisstischen Verlust- und Trennungsängste auf das Kind überträgt und bewusst oder unbewusst das Kind als Verbündeten im Kampf gegen den anderen Elternteil missbraucht.

Das Parental Alienation Syndrom ist nicht als selbstständiges Krankheitsbild im amerikanischen DSM 5 oder deutschen ICD10 aufgeführt, wurde aber durch den amerikanischen Kinder- und Jugendpsychologen Dr. Craig Childress als durchaus im Rahmen des DSM 5 und damit auch des ICD10 als kategorisierbare Diagnose herausgearbeitet (309.4 Adjustment Disorder with mixed disturbance of emotions and conduct, V61.20 Parent-Child Relational Problem, V61.29 Child Affected by Parental Relationship Distress, V995.51 Child Psychological Abuse, Confirmed). Laut Childress handelt es sich folglich bei dem Parental Alienation Syndrom um Psychologischen Kindesmissbrauch mit erheblichen Folgen nicht nur für das betroffene Kind und die involvierten Familienmitglieder, sondern auch für die Gesellschaft im Allgemeinen. Gardner ebenso wie Childress und viele weitere hoch angesehene Fachleute sehen hierbei ein Elternteil als “Initiator und Ursache” des Konfliktes, während sie meist davon ausgehen, dass der betroffene andere Elternteil ebenso ein “Opfer” sei, wie das Kind. Inzwischen wird nicht mehr von einem “Syndrom“ gesprochen, sondern nur noch von Eltern-Kind-Entfremdung oder auch Parent Child Alienation.

Die Gegenstimme zu dieser Darstellung ist ebenfalls meist extrem polarisierend, der komplett entgegengesetzten Ansicht, negiert, dass es ein derartiges “Syndrom” (als Krankheitsbild) überhaupt gibt und sucht die “Schuld” für die Entfremdung eines Kindes im Verhalten des entfremdeten Elternteils. Vorwürfe der Vernachlässigung, des Missbrauchs oder zumindest der Gleichgültigkeit des Elternteils gegenüber den Bedürfnissen des Kindes werden gerne als Erklärungsmuster für des Verhalten des Kindes herangezogen.

An deutschen Gerichten ist bekannt, dass es in Scheidungsfamilien zu Entfremdungssituationen kommen kann. Leider wird in der Regel auch in den Gerichtssälen sehr polarisierend mit der Situation und dem Thema verfahren. Betrachtet man die Heftigkeit, mit der auch vor Gericht von manch beteiligten Helfersystemen das Thema Eltern-Kind-Entfremdung entweder bagatellisiert oder negiert und auf der anderen Seite dramatisierend einem Elternteil zum Vorwurf gemacht wird, erscheint es nicht mehr verwunderlich, dass oft der Verdacht entsteht, die beteiligten Helfersysteme hätten sich umprofessionell, persönlich in den Konflikt der Eltern verstricken lassen. Dies hilft weder den betroffenen Kindern, noch den betroffenen Eltern. Sie werden mit quälend zähen und langwierigen Verfahren und Untersuchungen im Stich gelassen. Oft wird die Situation durch Gerichtsverfahren sogar deutlich verschlimmert.

Von Außen betrachtet erscheint es auf den ersten Blick erstaunlich, dass sich das Helfersystem, dass in erster Linie an der Beendigung der Auseinandersetzung der Eltern im Hinblick auf das beteiligte Kind interessiert sein sollte, sich auf polemische Diskussionen zum Thema einläßt. Wie kommt es, dass sie sich in dem Konflikt scheinbar verstricken? Auch hierzu gibt es inzwischen verschiedene Theorien. Eine davon erscheint dabei die plausibelste. Trennung und Scheidung einer Familie berührt im Menschen die kleinkindliche und meist ungeheilte Urwunde, die wir alle in uns tragen, seit wir uns unseres Getrenntseins von der Mutter bewusst wurden. Diese psychologische Wunde ist derart tief in unserem Unterbewusstsein vergraben, dass wir uns ihrer oft nicht bewusst sind. Sie äußert sich allerdings immer wieder im Beziehungsverhalten und vor allem zeigt sie sich extrem negativ, wenn es zu Beziehungskonflikten mit Verlassensängsten kommt. Die Theorie besagt, das Berühren dieser unbewussten Wunde löse auch in den Fachkräften des Helfersystems und der Familiengerichte extreme emotionale Reaktionen aus, die ihnen nicht rational bewusst seien, und die sie durch juristische, psychologische oder sozialtheoretische Konzepte versuchen, rational erklärbar zu machen. Tradierte Rollenbilder werden herangezogen. Sie werden entweder verteidigt oder aber in Frage gestellt, um entweder für den einen oder den anderen Elternteil Partei zu ergreifen.

Erkennt man, dass es aber so etwas wie “den besseren Elternteil” in der Tat nicht gibt, steht man vor einem Dilemma. Wenn nicht klar ist, ob es eine “schuldige” Seite gibt, man seine eigene Angst und Trauer um das eigene Verlassensein nicht erkennt und auch nicht definieren kann, was denn nun konkret einen “guter Vater” oder eine “gute Mutter” ausmacht, dann wird es schwierig, sich in dem vorliegenden Konflikt und der realen und brisanten Dramatik die daraus für alle Beteiligten entsteht zu orientieren.

Ein erster Schritt wäre schon getan, wenn in unserer Gesellschaft erkannt würde, dass immer noch stark an einem tradierten Bild der Vater- und Mutterrolle festgehalten, und zeitgleich dieses Rollenbild radikal abgelehnt wird. Selbst mit geteilten Elternzeiten, Vätern die man auf Spielplätzen und bei Elternabenden findet und dem verstärkten Bemühen, Mütter in die berufliche und finanzielle Eigenverantwortung zu heben wird spätestens ab dem zweiten Kind transparent, dass sich doch noch nicht so viel in unserer Gesellschaft geändert hat, und es in der Regel die Frau ist, die auf eine Karriere verzichtet, um sich der Familie zu widmen. Hierfür gibt es nicht nur gesellschaftliche, sondern anscheinend auch entwicklungs-biologische Gründe, die so tief in uns verankert sind, dass sie nicht einfach ausgerottet werden können; selbst dann nicht, wenn die Politik entscheidet, dass es einen Wandel geben müsse.

Hierbei stellt sich auch die Frage, ob dies eigentlich zielführend und notwendig ist. Müssen Frauen wirklich in der Arbeitswelt zu besseren Männern werden? Müssen sie tatsächlich tief in ihnen verankerte Bedürfnisse und Wünsche unterdrücken, um sich für das eventuelle Scheitern einer Ehe schon vorab abzusichern? Müssen Männer ihren Drang nach Karriere und Leistung hintenanstellen, um zu beweisen, dass sie “gute” Väter sind?

Ein Paradigmenwechsel ist dringend erforderlich, um es Eltern zu erlauben, in eine neue und nicht von Ängsten, Schuldgefühlen und tradierten Bildern geprägte Elternschaft zu finden. Dazu ist es notwendig, dass sich unsere Gesellschaft mit Rollenbildern und kollektiven Glaubenssätzen zu den Themen Vater, Mutter und Elternschaft auseinandersetzt. Es reicht nicht aus, einen oberflächlichen Blick auf Werbetafeln, Fernsehbeiträge, Social Media Posts oder ähnliches zu werfen, sondern es bedarf einer tiefen und angeregten Diskussion, an der jeder einzelne für sich teilnimmt. Denn schließlich geht es um jeden einzelnen individuell. Wenn wir als Gesellschaft jedem persönlich überlassen, für sich selbst eine ureigene Definition von Elternschaft sowie Vater- und Muttersein zu finden, die es anderen freistellt eine ganz andere Werte- und Glaubensdefinition zu haben, kann die Auseinandersetzung zumindest zu dem Thema “Elternschaft” beendet werden.

Die Diskussionen über: „Was ist ein Vater, eine Mutter, eine Familie eigentlich für mich ganz persönlich? Muss Familie zwangsläufig immer eine bestimmte, mir bekannte Form haben, damit sie meinen Erwartungen entspricht?“ führen zu der Kernfrage: Gibt es so etwas wie einen “besseren” Elternteil?

Durch die 2010 in Kraft getretenen Änderungen in der Auslegung der deutschen Scheidungs- Rechtsprechung wurde leider der Eltern-Kind-Entfremdung und auch dem Streit zwischen getrennten Ehepaaren der Weg bereitet. In kritischen Situationen bedienen sich in der Regel Männer immer noch des Machtmittels Finanzen, um Druck und Kontrolle über eine gefühlt unkontrollierbare Situation und ihre Ex-Frau ausüben zu können. Die meisten Frauen wissen zwar, dass sie sich finanziell seit 2010 im Falle einer Scheidung selber versorgen müssen. Allerdings schafft es das Gros der Mütter nicht, sich von der tradierten Erwartung an eine Mutterrolle soweit zu entfernen, dass sie wirklich ihre berufliche Karriere quasi direkt im Anschluss an die Geburt des Kindes wieder in den Vordergrund stellen, selbst wenn der Vater die Lücke nicht auffüllen kann oder möchte. So wird es Männern erleichtert, den finanziellen Druck gegenüber ihrer Ex-Frau auszuüben. Frauen hingegen suchen leider immer noch in den allermeisten Fällen Kontrolle über das Druckmittel Elternschaft auszuüben, ebenfalls aus den oben genannten Gründen. Sie berufen sich oft darauf, der “bessere” Elternteil zu sein, sich mehr für die Kinder zeitlich und emotional eingesetzt zu haben und eher in der Lage zu sein, die Bedürfnisse des Kindes erfühlen sowie erfüllen zu können. Sie argumentieren damit, das “Kindeswohl” um einiges besser – auch gegen den Vater – vertreten zu können. Sowohl beim Vater, als auch bei der Mutter ist der Wunsch vorhanden, dem Kind nicht zu schaden, beide lieben ihre Kinder aufrichtig und wollen nur das Beste. Leider erkennen meist beide nicht, dass die in ihnen aktivierte Trennungswunde Auslöser ihres Erlebens und ihres Verhaltens ist, sondern auch sie versuchen vermeindlich objektive Erklärungskonzepte als Ursache des eigenen dadurch gerechtfertigten Verhaltens heran zu ziehen.

An dieser Stelle beginnt Eltern-Kind-Entfremdung, nicht nur die Entfremdung des Kindes vom Vater, sondern auch von der Mutter. Das Ergebnis ist tatsächlich die Entfremdung des Kindes von sich selber und den eigenen inneren Anteilen, die es nicht mehr erfahren, spüren und äußern darf, um sich in einer gefühlt bedrohlichen Welt in irgendeiner Weise sicherer zu fühlen.

Betroffene Elternteile sind an dieser Stelle angehalten, auf alle weiteren strittigen Gerichtsverfahren zunächst zu verzichten. Bei einer Eltern-Kind-Beziehung handelt es sich um eine Liebesbeziehung. Diese heilt man nicht mit Macht, Gewalt, Manipulation oder Liebesentzug, sondern mit Liebe. Diese Liebe fängt bei uns selber an. Unter Selbstliebe ist die achtsame Annahme meiner eigenen Person mit allen Aspekten und die radikale Akzeptanz der gegenwärtigen Realität ebenso wie die Einsicht in die eigenen Anteile an der Situation und deren vergebenden Annahme gemeint.

In einem professionellen Coaching oder einer psychologischen Beratung wird betroffenen Eltern nicht nur gezeigt, wie diese Situation entstehen konnte, sondern den Eltern wird geholfen, den Weg zurück in eine liebevolle Beziehung mit ihrem Kind zu finden. Es sollte dabei immer um eine schnelle und nachhaltige Veränderung gehen, da sich negative Strukturen verfestigen, je länger sie anhalten. Grundlegend ist dabei zu erkennen, dass die Veränderung eines Elternteils dauerhaft das gesamte System beeinflusst und verändert. Geht man von dem Grundsatz aus, dass der einzige Mensch, dessen Fühlen, Handeln und Denken man tatsächlich verändern und beeinflussen kann, man selber ist, kann diese Erkenntnis und die damit einhergehende Veränderung im Wahrnehmen, Beurteilen und Handeln in der Zusammenarbeit für den Klienten und im Sinne der betroffenen Kinder genutzt werden.

Carolyn Steen, Psychologische Lebensberatung, Coaching & Krisenintervention